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Die Gebärparese – auch Milchfieber genannt – ist
eine Stoffwechselerkrankung und geht anders
als der Name besagt meistens ohne Fieber
einher. An Milchfieber kann prinzipiell jede Kuh zum
Geburtstermin ihres Kalbes erkranken, besonders
gefährdet sind jedoch ältere Kühe ab der dritten
Laktation, Kühe mit hoher Milchleistung sowie Kühe,
die bereits schon einmal an Milchfieber erkrankt
waren. In den vergangenen Jahren stieg mit der
Milchleistung auch das Auftreten von Milchfieberfällen.
Hauptsymptom der Erkrankung, die vorwiegend
durch Calciummangel bei der Abkalbung verursacht
wird, ist nach vorangehendem Muskelzittern
und schwankendem Gang das typische Festliegen
der Kuh, das während oder bis zu drei Tage nach
der Geburt auftritt: Die Kuh liegt in Brustlage, die
Hinterbeine seitlich abgespreizt, den Kopf seitwärts
an den Körper gelegt. Futteraufnahme, Wiederkauen,
Pansenbewegung sowie Kotabsatz gehen zurück.
Liegt das Tier fest, kann nur noch der Tierarzt mit
Infusionen helfen, um das benötigte Calcium direkt
ins Blut zuzuführen. Im Endstadium liegen die Kühe in
Seitenlage, haben Atemnot, dann Kreislaufversagen.
Die Sterblichkeit liegt in den Milchviehbetrieben heute
bei 2 bis 5 %, kann im Einzelfall aber auch bis zu
50 % betragen.
Während akutes Milchfieber mit dem Festliegen der
Kühe relativ eindeutig zu erkennen ist, unterschätzt
man leicht die negativen Auswirkungen des subklinischen
Calciummangels. Solche Kühe fressen< schlechter und kommen nicht richtig in Schwung.
Erkranken im Durchschnitt 8 bis 10 % der Kühe sichtbar
an Milchfieber, so können drei Mal so viele Kühe
von subklinischem Milchfieber betroffen sein.
Für die Milchviehbetriebe sind gehäufte Milchfieberfälle
nicht nur aus tiergesundheitlichen Aspekten ärgerlich,
sondern auch wirtschaftlich ein Desaster. Liegt die
Kuh erst fest, fallen tierärztliche Behandlungskosten
an und die Kuh hat den Start in eine erfolgreiche
Laktation verpasst. Neben dem Milchleistungsverlust
(bis zu 600 kg) und der nicht verwertbaren Milch
während der Erkrankung können in der Folge weitere
Erkrankungen wie Ketose oder Labmagenverlagerung
auftreten sowie ein vorzeitiger Abgang der Kuh nötig
sein.
Diese Erfahrung musste auch die Agrargenossenschaft
Naundorf-Niedergosseln e. G. in Sachsen
Nähe Leipzig machen. Die 1992 gegründete
Agrargenossenschaft hat zwei Milchviehställe und
in beiden Milchviehherden gab es seit 2006 immer
wieder gehäuft Milchfieberprobleme und damit
assoziierte Probleme wie Labmagen verlagerungen,
Nachgeburtsverhaltungen, Gebärmutterentzündungen
und Verdauungsstörungen. In dem einen Stall stehen
rund 1100 Kühe mit einer jährliche Milchleistung
von etwa 9000 l je Kuh. Im anderen etwas kleineren
Stall stehen um die 550 Kühe mit einer Milchleistung
von etwa 9100 l/Kuh/Jahr. Das Management der beiden
Ställe unterscheidet sich nur unwesentlich voneinander:
Im kleinen Stall stehen die Trockensteher
14 Tage vor und nach der Geburt auf Stroh, während
das im großen Stall nicht der Fall ist. Dort sind überall
Betonspaltenböden, lediglich die Kalbung selbst
erfolgt auf Stroh.
Tendenziell erkrankten im großen Stall seit 2006
mehr Kühe an Milchfieber, was möglicherweise an
der strohlosen Haltung liegt. In dem Jahr gab es dort
54 Milchfieberfälle, 2007 waren es 98 Fälle. Im kleineren
Stall kamen 2006 „nur“ 21 Fälle und 2007 22 Fälle
vor. Stoffwechseluntersuchungen ergaben keinen
ursächlichen Grund für diese Gesundheitsprobleme,
mit Ausnahme einer leichten Azidose, die durch die
recht hohen Mais- und Kraftfuttermengen in der
Futterration für die Trockensteher zustande kommen.
Diese Komponenten können jedoch nicht nennenswert
reduziert werden, da die Region rund um
Naundorf zu wenig Stroh und Heu bereit hält.
Der Betriebsleiter probierte im Rahmen seiner
Möglichkeiten, mit veränderten Rationszusammenstellungen
die Milchfieberprobleme in den
Griff zu bekommen, doch leider ohne sichtbaren
Erfolg. Auf dem Betrieb erfolgt die Fütterung als
TMR, die Trockensteherfütterung (sieben Wochen
Trockenstehzeit) ist zweiphasig. Die Fütterung saurer
Salze ist eine etablierte Methode, um einem
schweren Calciummangel vorzubeugen, indem der
Calciumstoffwechsel schon vor der Geburt aktiviert
wird. Da saure Salze aber zusätzlich eine metabolische
Azidose bewirken, kam deren Verfütterung in
diesem Fall aufgrund der schon vorliegenden leichten
Azidose durch die oben beschriebene Futterration
nicht in Frage.

Es mussten also andere Wege gefunden werden, um
die Milchfieberprobleme langfristig auf diesem Betrieb
in den Griff zu bekommen. Da Vitamin D eine zentrale
Rolle im Calcium- und Phosphorstoffwechsel spielt,
lässt sich mit einer Vitamin D3-Gabe sieben Tage vor
dem Abkalben der Mineralstoffwechsel aktivieren.
Daher erhielten die Kühe diese zusätzliche Vitamin-
D3-Gabe, die wiederholt wurde, sofern die Kühe zum
errechneten Termin noch nicht abgekalbt hatten. Der
Erfolg war jedoch nicht so wie erhofft.
Da Milchfieber primär durch einen Calciummangel
entsteht, gibt es die Möglichkeit, zusätzlich zur optimal
eingestellten Fütterung orale Calciumpräparate
zur Prophylaxe einzugeben. Für die orale Eingabe
von Calcium gibt es mittlerweile zahlreiche Produkte.
Diese werden entweder flüssig bzw. als Gel mit einer
Flasche oder einer Kartusche eingegeben oder als Bolus mit einem Boluseingeber verabreicht. Pasten
und Gele werden über das Maul eingegeben. Bei der
Eingabe von Flüssigkeiten ist es wichtig darauf zu
achten, dass sich das Tier nicht verschluckt, damit
die Lösung nicht in die Lunge gelangt. Dies kann
eine Lungenentzündung verursachen. Weitgehend
etabliert ist die Eingabe von Calciumboli zur Vorbeuge
von Milchfieber. Verschiedene Anbieter sind am Markt
vertreten. Dabei ist auf eine schonende Eingabe und
ein sicheres Abschlucken der Boli zu achten, damit
keine Schädigungen im Schlund auftreten.

Im vorliegenden Fall entschied sich der Betriebsleiter
2008 nach eingehender Beratung, das Produkt
Bovikalc® von Boehringer Ingelheim zu testen. Dieses
Präparat bietet Calcium in Form eines Bolus an und
enthält zwei Calcium-Verbindungen (Calcium-Chlorid
und Calcium-Sulfat) die nach Verabreichung durch
eine schnelle und anhaltende Verfügbarkeit eine ausreichende
Calciumversorgung über das Blut sicherstellen.
Der Fettüberzug des Bolus sichert ein gutes
Abschlucken. Die Kühe erhalten den Bolus mittels
eines speziell dafür entwickelten Eingebers, mit dem
der Bolus hinten auf die Zunge abgelegt wird. Dort
rutscht er beim Abschlucken in den Pansen, wo er sich
innerhalb weniger Minuten komplett auflöst. So steht
das Calcium dem Stoffwechsel schnell zur Verfügung.
Auf dem betroffenen Betrieb wurde vereinbart, den
Kühen einen Bolus kurz vor der Abkalbung zu geben
und einen weiteren Bolus etwa acht Stunden später,
also nach der Geburt. Begonnen wurde mit der zusätzlichen
Calciumgabe Mitte April 2008.
Schon nach kurzer Zeit gingen die schweren Fälle von
Milchfieber, bei denen die Kühe festliegen, deutlich
zurück. Im großen Stall traten bis zum Jahresende
noch 30 Milchfieberfälle auf, im kleinen Stall noch
sieben, wobei dies nur noch Fälle waren, die im
Notdienst, also nachts und am Wochenende behandelt
wurden. Alle anderen Fälle waren so leicht, dass
die Mitarbeiter im Stall selbst die betroffenen Kühe
therapieren konnten. Trotz Bolusgabe kommen immer
noch Milchfieberfälle rund um die Geburt vor, allerdings
mit insgesamt deutlich leichteren Verläufen. Die
Kühe stehen nach der Behandlung sofort wieder auf,
was vorher nur selten der Fall war. Die Schwere der
Fälle von Nachgeburtsverhaltungen und damit oft einhergehenden
Gebärmutterentzündungen mit eitrigen Ausflüssen wurden weniger und es kann insgesamt
eine deutlich besser laufende Nachgeburtsphase
beobachtet werden. Das hat zur Folge, dass sich die
Gebärmutter schneller zurück bildet, was wiederum
für einen schneller wieder eintretenden Zyklus sorgt
– die Kuh kann rasch wieder tragend werden. Vor der
zusätzlichen Calciumgabe mussten etwa acht Kühe
pro Woche auf Sterilität aufgrund des Ausbleibens
der Brunst behandelt werden, jetzt sind es lediglich
noch drei Kühe in der Woche. Auch konnte beobachtet
werden, dass sich die Labmagenverlagerungen im
geburtsnahen Zeitraum mit der zusätzlichen oralen
Calciumgabe deutlich verringert haben.

Milchfieber ist eine schwerwiegende Erkrankung der
Kühe und hat für die betroffenen Betriebe hohe wirtschaftliche
Verluste in Form von Milchleistungsverlust
und Fruchtbarkeitsproblemen zur Folge. Und für die
Kühe bedeutet Milchfieber in der sowieso schon
anstrengenden Geburtsphase eine hohe zusätzliche
Belastung, in schweren Fällen besteht sogar akute
Lebensgefahr. Deshalb sind vorbeugende Maßnahmen
ganz wichtig. Ziel muss es sein, Milchkühen die kritische
Zeit der Umstellung zu erleichtern und so
Milchfieber zu vermeiden. Hierzu bieten sich verschiedene
Möglichkeiten an. Im vorliegenden Fallbeispiel
konnte mit oral zu verabreichenden Calciumboli eine
deutliche Verbesserung erreicht werden.
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