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In der Tierhaltung werden zu viele Antibiotika
ungezielt eingesetzt – diesen Missstand prangern
Politik, Behörden und Praktiker nicht erst seit
gestern an. Gefragt sind Lösungen, wie die
Antibiotikagaben reduziert werden können. Doch klar
ist auch: Kranke Tiere müssen behandelt werden,
ganz ohne Antibiotika geht es also nicht. Experten
plädieren daher für mehr Prophylaxe, damit die Tiere
gar nicht erst erkranken. Der Tierarzt Dr. Edmund
Bölling schildert am Beispiel eines Betriebs, wie z. B.
die Ileitis-Impfung bei der Antibiotikareduktion helfen
kann. Dr. Bölling betreibt mit drei Kollegen eine
Gemischtpraxis im Münsterland.
Tiergesundheit und mehr: Herr Dr. Bölling, welche
Maßnahmen tragen Ihrer Ansicht nach am besten zur
Antibiotikareduktion bei?
Dr. Edmund Bölling: Wir bei Boehringer Ingelheim haben
uns zu diesem Schritt entschlossen, da wir einen
Beitrag zu einer nachhaltigen Schweineproduktion in
Deutschland leisten wollen. Um es den Landwirten
und Tierärzten noch attraktiver zu machen, die Ileitis-
Impfung zusätzlich zu weiteren Impfmaßnahmen
flächendeckend zu etablieren, haben wir den Preis
für die Ileitis-Impfung gesenkt. Denn Vermeidung von
Krankheit ist aktiver Tierschutz.
Tiergesundheit und mehr: Die Bereitschaft zur
Antibiotikareduktion in der Tierhaltung ist also da?
Dr. Edmund Bölling: Natürlich. Es gibt viele Landwirte,
die den Antibiotikaverbrauch reduzieren wollen,
und das nicht nur aus Kostengründen, sondern auch
aus Gewissensgründen. Sie finden es selbst nicht
gut und wissen: Wenn ein Betrieb viel Antibiotika
einsetzt, ist das meist ein Zeichen dafür, dass der
Betrieb nicht so erfolgreich wirtschaftet, weil sein
Gesundheits- und restliches
Management
nicht richtig läuft. Und
dieses Problem löst
man nicht mit noch
mehr Antibiotika, sondern
mit Veränderungen
im Management und in
der vermehrten Immunprophylaxe.
Tiergesundheit und mehr: Weshalb hat der aktuelle
Betrieb einen hohen Antibiotikaeinsatz?
Dr. Edmund Bölling: Der Mastbetrieb, den ich seit
gut 20 Jahren betreue, wird von einem Landwirt
gemanagt, der von einem Sauenhalter ständig beliefert
wird. Diese beiden Landwirte haben ihre Betriebe
aufeinander abgestimmt.
Der Sauenbetrieb hat ca. 350 Sauen, produziert
im 4-Wochen-Rhythmus und setzt die Ferkel mit
22 Lebenstagen ab. Die männlichen Ferkel werden
nicht kastriert. Alle Ferkel kommen bis auf die untergewichtigen
Tiere in einen extra Aufzuchtstall, der vor
einem Jahr etwa 400 m vom Hof entfernt neu gebaut
wurde. Dort erfolgt die Aufzucht bis etwa 30 kg.
Danach gehen die Tiere zum Mäster, der seine Abteile
im Rein-Raus-Prinzip ausschließlich mit diesen Ferkeln
bestückt. Sauen- und Mastbetrieb haben einen sehr
hohen Gesundheitsstatus, sind frei von verschiedenen
Krankheiten (PRRS, Circovirus, Mykoplasmen,
APP und weitere bakterielle Infektionskrankheiten). Es
werden alle Ferkel gegen PRRS, Mykoplasmen und
Circovirus geimpft.
Der Mastbetrieb hat recht hohe Zunahmen von etwa
1000 g pro Tag und ist nicht durch einen übermäßigen
Antibiotikaeinsatz auffällig. Seine Leistungen
könnte er sicher noch steigern, wenn da nicht das
Ileitis-Problem wäre. Die Mastgruppen wachsen
zum Teil auseinander, geprägt durch kleckernde
Durchfälle und es kommt zu plötzlichen Todesfällen.
Bei Laboruntersuchungen und Sektionen wurde der
Erreger der Ileitis, Lawsonia intracellularis, immer wieder
festgestellt. Wir führen daher eine Metaphylaxe mit
Tylosin durch. Trotzdem sind danach Behandlungen im akuten Krankheitsfall nötig, da das Problem immer
wieder wellenförmig durch den Betrieb läuft und Tiere
mit kleckerndem Durchfall auffallen.
Tiergesundheit und mehr:Welche Veränderung im Management soll Abhilfe schaffen?
Dr. Edmund Bölling: Da der Tylosin-Einsatz auf
Dauer nicht sinnvoll sein kann, ergab sich im
Gespräch mit dem Landwirt die Idee, es doch
nochmal mit der Ileitis-Impfung zu versuchen. Vor
mehreren Jahren haben wir es in dem Betrieb
schon einmal versucht, allerdings war kein überzeugendes
Ergebnis zu sehen. Dem Landwirt geht
es mit der Ileitis-Impfung nicht so sehr um eine
Verbesserung der wirtschaftlichen Leistung, sondern
er handelt aus Verantwortung für sich, seine
Tiere und den Verbraucher. Dieser Betrieb betreibt
Ebermast und nimmt am Pilotprojekt „Verzicht auf
Schwanzamputation“ des Landes NRW teil, ist also
Neuem gegenüber sehr aufgeschlossen. Um auf
den Tylosin-Einsatz verzichten zu können, wurde mit
dem Sauenhalter folgendes vereinbart:
Zu einem bestimmten Stichtag (16.-18. Lebenstag)
werden die Ferkel komplett mit allen Impfungen
versorgt und zusätzlich wird die Ileitis-Impfung an
diesem Tag durchgeführt. Der Sauenhalter vollzieht
die Kombi-Impfung gegen PCV2 und Mykoplasmen
sowie die PRRS-Impfung per Injektion und verabreicht
den Ferkeln die Ileitis-Impfung per Drench ins Maul.
Würden diese Impfmaßnahmen zu unterschiedlichen
Zeitpunkten durchgeführt werden, wäre dies eine
gewaltige Arbeits- und Stressbelastung für Mensch
und Tier. Diese Bündelung der Impfmaßnahmen stellt
daher eine große Arbeitseinsparung für den Landwirt
dar und minimiert den Stress für das Tier.
Tiergesundheit und mehr: Können Sie schon etwas
zum Erfolg dieser Maßnahme sagen?
Dr. Edmund Bölling: Der Betrieb impft gegen Ileitis
erst seit Anfang April, die ersten geimpften Tiere
kamen in KW 21 in die Mast, deswegen kommen
die ersten Schweine erst jetzt an den Haken. Eine
Auswertung hinsichtlich Futterverwertung und täglichen
Zunahmen wird also noch ein paar Wochen
dauern. Was wir aber bereits jetzt sagen können, ist
dass die Impfung zu einer deutlichen Besserung des
Krankheitsbildes sowie zu ausgeglicheneren Gruppen
geführt hat. Jetzt mit der Ileitis-Impfung bekommen
die Tiere bei der Einstallung in die Aufzucht
schon keine Metaphylaxe mehr und im aktuellen
Mastdurchgang waren keine Antibiotika gegen Ileitis
nötig. Der Betrieb will bei der Impfung bleiben.

Tiergesundheit und mehr: Warum impfen nicht
mehrere Ihrer Kunden gegen Ileitis?
Dr. Edmund Bölling: Meine früheren Erfahrungen mit
dem Ileitis-Impfstoff waren nicht besonders positiv.
Ich will damit nicht sagen, dass er nicht funktionierte,
aber das Handling der Impfung war einfach
problematisch. Bei Einführung der Ileitis-Impfung
sollte der Impfstoff über den Trog verab reicht werden
und es durfte drei Tage vor bis drei Tage nach der
Impfung kein Antibiotikum angewandt werden. Da
keine korrekt dosierbare Impfung über den Trog im
Abferkelabteil möglich ist, musste die Impfung also
nach der Umstallung ins Flatdeck erfolgen. Da zum
Zeitpunkt der Einstallung in das Flatdeck naturbedingt
aber eine erhöhte Krankheitsanfälligkeit herrscht
(Coli-, Streptokokken-Infektionen, …), kann mit einer
eventuellen antibiotischen Behandlung der Erfolg der
Impfung zunichte gemacht werden.
Diese Misserfolge führten damals zu einer mangelnden
Akzeptanz durch den Landwirt.
Außerdem ist es für die Sauenhalter zunehmend
schwierig, die vielen Impfungen erstens zu bezahlen
und zweitens arbeitstechnisch durchzuführen. Das
Impfschema muss so angepasst werden, dass man
mehrere Impfungen zu einem Arbeitsschritt zusammenfassen
kann und die Impfung muss natürlich vor
dem Infektionszeitpunkt liegen. Durch die frühzeitige
Impfkombination wie in diesem Betrieb sind die
Tiere frühzeitig geschützt und dem Landwirt wird ein
Großteil der Arbeit erspart. Wer diese Arbeit kennt,
weiß wovon ich rede.
Tiergesundheit und mehr: Wollen Sie die Ileitis-
Impfung nun auch weiteren Kunden propagieren?
Dr. Edmund Bölling: Wenn die Ileitis-Impfung in
diesem Betrieb den gewünschten Erfolg bringt, kann
ich mir gut vorstellen, weitere Betriebe auf diese
Möglichkeit anzusprechen, obwohl die Kostensituation
es derzeit immer noch erschwert, den Landwirten
weitere Impfungen vorzustellen. Eventuell kann die
aktuelle Preissenkung für den Ileitis-Impfstoff hier
helfen. Wie der hier vorgestellte Betrieb wollen viele
Landwirte weg vom Antibiotikaeinsatz.
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