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Tierarztkosten: Wohin geht die Reise?

Die Kosten für die tierärztliche Versorgung in der Ferkelerzeugung und in der Mast haben sich in den vergangenen Jahren enorm verändert. Welche Gründe gibt es dafür? Ein Bericht von Tierarzt Dr. Heinrich Wilkes aus Reken.

Die Kosten für die tierärztliche Versorgung von Sauen und Ferkeln sind in den vergangenen Jahrzehnten permanent gestiegen. Am Beispiel von Zahlen aus einer Schweinebetreuungspraxis ist erkennbar, dass sich die Kosten in der Ferkelerzeugung und der Mast gegenläufig entwickelt haben. Die Tierarztkosten pro Sau und Jahr lagen 1990 durchschnittlich bei rund 30 €, während sie 2008 bei etwa 100 € lagen. Dagegen sind die Kosten für ein Mastschwein von um die 6 € in 1990 auf rund 3 € in 2008 gefallen. Worin liegen die Gründe für diese gravierende Verschiebung? Sicherlich nicht an gestiegenen Produktpreisen für die verschriebenen und verwendeten Arzneimittel. Die Aufschläge auf den Einkaufspreis für die Arzneimittel sind in den vergangenen Jahren deutlich rückläufig. Folglich müsste die Ursache in einem erhöhten Verbrauch von Arzneimitteln liegen. Doch ist das wirklich so?

Andere Betriebs- und Erregersituation

Wie sah die betriebliche Situation bei Ferkelerzeugern und Mästern 1990 aus? Im Schnitt hatten die Ferkelerzeuger eine Betriebsgröße von rund 40 bis 50 Sauen. Die meist im kontinuierlichen Rhythmus produzierten Ferkel wurden von vielen kleineren Händlern wöchentlich eingesammelt und zusammen mit Ferkeln aus anderen Betrieben zum Mäster gefahren. Die größten gesundheitlichen Probleme in den Ferkelerzeugerbeständen beruhten meist auf dem fehlenden Rein/Raus-Prinzip und mangelnder Desinfektion. Hauptprobleme waren damals Durchfälle sowohl bei Saugferkeln als auch im Flatdeck, MMA-Probleme bei Sauen und Atemwegsbeschwerden im Flatdeck. Streptokokken- und Ileitis-Probleme waren überhaupt nicht bekannt, was nach Meinung verschiedener Experten auf den breiten Einsatz von Leistungsförderern zurückzuführen war, da sie den Infektionsdruck bei den damals vorhandenen Erregern reduziert haben. Hinzu kam eine sehr geringe Tierdichte sowohl auf dem Betrieb als auch in der direkten Umgebung. Ebenfalls gab es nur vereinzelt Transporte von Ferkeln in andere Bundesländer, geschweige denn ins Ausland.
In der Mast gab es, bedingt durch das „Crowding“ von Ferkeln, die bekannten Probleme wie Atemwegserkrankungen, Colidurchfälle und Dysenterie. Aufgrund dieser strukturellen Probleme und fehlender Impfstoffe ist der damals hohe therapeutische und metaphylaktische Einsatz von Antibiotika zu erklären.
In den 1990er-Jahren gab es wenige wirtschaftlich bedeutsame, virusbedingte Erkrankungen. Neben den Tierseuchen (Aujeszky, Schweinepest), die ein staatliches Eingreifen nach sich zogen, existierten eigentlich nur klassische Influenza, Parvovirose, Transmissible Gastroenteritis (TGE) und Enzootische Virusdiarrhoe (EVD). Dabei standen lediglich Impfstoffe gegen Influenza und gegen Parvovirose zur Verfügung, die bei Sauen eingesetzt wurden. Somit und aufgrund des deutlich niedrigeren Produktionsniveaus sind die geringeren Tierarztkosten von damals verständlich.

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Größere Bestände und mehr Tiertransport

In den Jahren bis heute haben sich sowohl die Betriebsstruktur, der globale Tierverkehr als auch die Erregerlandschaft dramatisch verändert. Zusätzlich wurden aus Verbraucherschutzgründen alle Leistungsförderer und tierischen Eiweiße aus den Futtermitteln entfernt. Ebenfalls wurde die Konzentration von darmstabilisierenden Mineralien und Spurenelementen wie Kupfer und Zink stark zurückgenommen.
Die Betriebsgrößen sind deutlich gewachsen. Auch die Konzentration von Schweinen in den Ballungsgebieten hat sich vergrößert, obwohl die Gesamtzahl der Betriebe abgenommen hat. Dies führte zu einer Zunahme der Tierdichte auf den Betrieben und damit zu einer Zunahme der Erregerkonzentrationen in den einzelnen Produktionsstufen. Der Transport von Tieren und Sperma im In- und ins Ausland wurde in den vergangenen Jahren zum Alltag. Hierdurch bestand für Krankheitserreger aus anderen Ländern die Möglichkeit, sich in Deutschland auszubreiten.
Aus all diesen genannten Veränderungen sind heute neue Krankheitsbilder und Erreger bekannt geworden. Neben den schon bekannten Mycoplasmen, tauchte das PRRS-Virus auf. Weitere Krankheiten wie APP, Glässersche Krankheit, Ileitis, Streptokokken, Salmonellen, neue Influenzastämme und die Circovirose kamen hinzu.
Die Verwendung dieser Impfstoffe in Betrieben führt in der Regel zu einer Verringerung bis hin zu einer Beseitigung der klinischen Symptome. So lässt sich die Produktion auf hohem Niveau fortführen. Gleichzeitig steigt jedoch der Kostenfaktor „Tierarzt“ besonders in der Ferkelerzeugerstufe deutlich. Jede Impfung, vor allem Ferkelimpfungen, führen zu einer empfindlichen Erhöhung der Kosten. Allein die Impfungen gegen PRRS und Circovirose heben die Kosten auf einem Betrieb um bis zu 90 € pro Sau und Jahr an. Zählt man dann noch die Sauenimpfungen hinzu, so kommt man schnell allein durch Impfungen auf 120 € pro Sau und Jahr. Die darüber hinaus für die Versorgung der Sauen und Ferkel notwendigen Arzneimittel (Antibiotika, Hormone und Antiparasitika) lassen die Kosten auf bis zu 180 € pro Sau und Jahr steigen.
Die Hauptkostenträger – die Ferkelimpfungen – werden meist von den Mästern übernommen, sodass sie für die Ferkelerzeuger als durchlaufender Posten anzusehen sind. Diese Kosten tauchen zwar auf der Kostenseite der Ferkelerzeuger auf, sollten aber korrekterweise den Mästern zugeordnet werden. Zieht man diese „kostenneutralen“ Impfungen von den Gesamtkosten ab, so landen wir bei Kosten von 50 bis 90 € pro Sau und Jahr. Werden die verbliebenen Kosten dann noch auf die verkauften Ferkel umgerechnet, deren Anzahl sich von 1990 bis 2008 um rund 3 Ferkel/Sau/Jahr erhöht hat, so relativieren sich die Mehrkosten enorm.

Auf Impfungen nicht verzichten

Zur Vorbeuge gegen bestimmte Viruserkrankungen ist der Einsatz von Impfstoffen unvermeidlich, da andere Maßnahmen, wie der Antibiotikaeinsatz gegen diese Erreger wenig ausrichten. Aber auch bestimmte Impfstoffe gegen Bakterien wie Mycoplasmen und Lawsonien können weit mehr bewirken als die therapeutische Behandlung. Alternativ wird versucht, durch den Aufbau äußerst gesunder Tiergruppen und hohe Biosicherheitsmaßnahmen die Ferkelerzeugerbestände gesünder zu machen. Ziel wäre es, dass diese Herden auf einem hohen Leistungsniveau arbeiten, dabei allerdings auf die „teuren“ Ferkelimpfungen verzichten können. Generell gesehen ist dieser Trend zu begrüßen und absolut wünschenswert, allerdings nicht in allen Regionen – vor allem dort wo viele Bestände dicht beisammen liegen – durchführbar.



Arbeitsaufwand der Ferkelerzeuger reduzieren

Impfstoffe sind unbestritten eine Errungenschaft der modernen Pharmaforschung. Sie dienen der Tiergesundheit und dem Verbraucherschutz gleichermaßen. Für die Zukunft wäre es wünschenswert, wenn die forschenden Unternehmen Impfstoffe produzieren würden, die nach Art eines Baukastenmoduls je nach Erregerlage in den Betrieben bzw. der Region miteinander gemischt werden können. Dadurch wird eine Verringerung der Anzahl Injektionen für Ferkel und Schweine erreicht. So können zwar nicht zwangsweise die Kosten gesenkt werden, es erleichtert allerdings den nicht unerheblichen Arbeitsaufwand der Ferkelerzeuger.

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